{"id":489,"date":"2022-03-08T17:22:22","date_gmt":"2022-03-08T16:22:22","guid":{"rendered":"http:\/\/kritik-und-argumente.de\/?p=489"},"modified":"2023-12-11T19:07:27","modified_gmt":"2023-12-11T18:07:27","slug":"489","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/kritik-und-argumente.de\/?p=489","title":{"rendered":""},"content":{"rendered":"\n<p>Die Welt erlebt Krieg in der Ukraine. Sie erlebt, wie Staaten f\u00fcr ihre Selbsterhaltung \u2013 wer dieses \u201eSelbst\u201c ist und was dazu geh\u00f6rt, definieren sie selbst \u2013 in gro\u00dfem Stil \u00fcber Leichen gehen. Und die Menschen, welt- und vor allem europa\u00ad\u00adweit, reagieren: mit bedingungsloser Selbstverpflichtung zu moralischer Parteinahme.<\/p>\n\n\n\n<p>Geht\u2019s noch?<\/p>\n\n\n\n<p>Die Sache wird nicht besser, wenn die nachdenkliche Privatperson zu dem weisen Schluss kommt, dass irgendwie keine der M\u00e4chte, die als Kriegsparteien gegeneinander \u00fcber Leichen gehen, ihre kostbare uneingeschr\u00e4nkte Parteinahme verdient. Man erlebt, wie Staaten \u00fcber Menschenleben verf\u00fcgen, wenn es f\u00fcr sie ernst wird in ihrem Gegeneinander; man erlebt \u2013 auch wenn man das Gl\u00fcck hat, nicht vor Ort zu sein \u2013 die totale eigene Ohnmacht gegen\u00fcber den brutalen staatlichen Verf\u00fcgungen. Und dann imaginiert man sich als Richter, der \u00fcber Recht und Unrecht staatlicher Machtentfaltung befindet; schaut von oben herab auf Leichen und Verw\u00fcstungen und f\u00fchlt sich allen Ernstes zur Antwort auf die Frage berufen: <em>D\u00fcrfen die das?<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Klar, die Frage stellt sich, hierzulande wenigstens, so gut wie kein Zeitgenosse; weil schon die Feststellung, dass hier Staaten als Kriegsparteien \u00fcber Leichen gehen \u2013 also zeigen, was in ihnen als souver\u00e4nen M\u00e4chten steckt&nbsp;\u2013, l\u00e4ngst zur\u00fcckgewiesen ist: Hier hat doch eine Seite angegriffen, die andere sich nur verteidigt, ist folglich die gute und verdient fraglos Parteinahme. Deswegen noch mal: In der Ukraine wird verw\u00fcstet, wird get\u00f6tet und gestorben, weil Staaten mit dem Einsatz, also der zweckm\u00e4\u00dfigen Verschleuderung von Leben, des \u00dcberlebens ihrer und der Leute ihres Gegners, bet\u00e4tigen, was sie als ihr gutes Recht, als mit dem Feind unvereinbares \u201eSelbst\u201c definieren. Und ausgerechnet deswegen, weil einen das nicht kaltl\u00e4sst, w\u00e4re es unabweisbar, tief im Innern f\u00fcr die eine und gegen die andere Seite zu sein? Man erf\u00e4hrt, was die Privatperson im Krieg z\u00e4hlt, n\u00e4mlich gar nichts, und w\u00fcnscht dem Krieg den richtigen Ausgang? Ist man dann eigentlich noch ganz bei Trost?<\/p>\n\n\n\n<p>In der Ukraine prallen die zwei milit\u00e4rischen Weltm\u00e4chte aufeinander, die sich in \u00fcberreichlichem Ma\u00df Gewaltmittel verschafft und deren Einsatz auch schon durchgeplant und vorbereitet haben, um auf einer finalen Stufe ihrer kriegerischen Kollision einen Gro\u00dfteil der Menschheit umzubringen und die Lebensbedingungen auf der Erde zu zerst\u00f6ren. Am \u201eFall\u201c Ukraine erleben wir einen ersten Schritt vom kriegerischen Erpressen zum kriegerischen Zerst\u00f6ren, wie er in der Kriegsdoktrin der beiden Weltm\u00e4chte vorgezeichnet ist; den Einstieg in die Eskalation, von deren Endpunkt beide Seiten versichern, dass er nie stattfinden darf. Und mit dem sie gleichwohl so ernsthaft drohen, dass die daf\u00fcr Zust\u00e4ndigen einander davor warnen, ernst zu machen \u2013 was die diplomatische Art ist, einander eben damit zu drohen.<\/p>\n\n\n\n<p>Soll man als betroffene Privatperson da immer noch Partei ergreifen? Wo final un\u00fcbersehbar deutlich wird, wie Staaten das Verh\u00e4ltnis zwischen sich, dem eigenen souver\u00e4n definierten Existenzrecht, und dem Menschenmaterial sehen und handhaben, das sie nach Nationen sortieren? Oder soll man wieder in \u00ad\u00adweiser Abw\u00e4gung beiden Seiten im Blick auf den letzten \u00dcbergang gleicherma\u00dfen Unrecht geben \u2013 zwei M\u00e4chten, die stolz darauf sind, <em>kein<\/em> Recht anzuerkennen als das, das sie sich selbst zuerkennen; als \u201aGod\u2019s own Country\u2018 in der einen oder der anderen Version?<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist ganz einfach inad\u00e4quat, unh\u00f6flich gesprochen: extrem albern, mit dem privaten Moralismus des betroffenen Menschen auf die Brutalit\u00e4t des Rechts zu reagieren, mit dem Staaten, vom kleinsten bis zu den weltvernichtungsf\u00e4higen Gro\u00dfm\u00e4chten, agieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Anders sieht es aus, wenn man nicht wirklich als humanit\u00e4r herausgeforderte Privatperson, sondern als moralisch in Anspruch genommener Staatsb\u00fcrger denkt und urteilt. Dann <em>ist<\/em> man Partei, noch bevor man Partei <em>nimmt<\/em>. Das ist der wirkliche Grund, weshalb eine aufgeweckte B\u00fcrgerschaft niemandem Unparteilichkeit durchgehen l\u00e4sst. Wer die richtige Stellungnahme nicht abliefert, schlie\u00dft sich aus der Partei aus, die die Nation <em>ergreift<\/em>, weil \u2013 und soweit \u2013 sie im aktuell stattfindenden, am Ende nolens volens auch im sachgerecht eskalierenden, final ausufernden Staaten-Gemetzel Partei <em>ist<\/em>. Diese Parteilichkeit wird mit Bildmaterial und Sprachregelungen versorgt, die wiederum den Menschen als empfindende Privatperson r\u00fchren \u2013 sollen \u2013 und doch zugleich regelm\u00e4\u00dfig etwas ganz anderes bewirken \u2013 und bewirken sollen: Im von Staats wegen angerichteten Leid und Elend nimmt das informierte Individuum nicht mehr seine Ohnmacht gegen\u00fcber den Staatsgewalten wahr, die ganze V\u00f6lkerschaften f\u00fcr ihren Selbsterhaltungswillen funktionalisieren; es versteht sich als <em>Repr\u00e4sentant<\/em> der Macht, die \u00fcber es verf\u00fcgt. Folglich werden dann auch nicht einfach Opfer be\u00ad\u00addauert und T\u00e4ter verabscheut, sondern Waffen f\u00fcr T\u00e4ter auf der politisch richtigen Seite gefordert und Freiwillige wie Dienstverpflichtete zu Kriegstaten er\u00ad\u00admutigt.<\/p>\n\n\n\n<p>Zumindest diese geistigen Missgriffe: den humanit\u00e4ren wie den staatsb\u00fcrgerlichen und deren gesinnungsm\u00e4\u00dfig so produktive Kombination, kann man sich sparen \u2013 auch wenn es einem weder den Krieg noch die Kriegsbegeisterung emp\u00f6rter Mitb\u00fcrger erspart. Denn das geht ja immerhin: sich und allen, die bereit sind zuzuh\u00f6ren, den Krieg und seine Gr\u00fcnde, die allgemeinen eines jeden staatlichen Souver\u00e4ns wie die besonderen weltkriegstauglichen von NATO und Russland, <em>erkl\u00e4ren<\/em>. Hoffnung \u2013 ohnehin nichts als eine der Haupttugenden eines kriegsfesten Moralismus \u2013 kann man daraus zwar bestimmt nicht sch\u00f6pfen. Aber wenigstens ist man dann nicht auch noch mit der eigenen Urteilskraft das Spielmaterial der gro\u00dfen bewaffneten Rechthaber.<\/p>\n\n\n\n<p>Angebote stehen in dieser Zeitschrift.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/www.gegenstandpunkt.com\/\">https:\/\/www.gegenstandpunkt.com\/<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Welt erlebt Krieg in der Ukraine. Sie erlebt, wie Staaten f\u00fcr ihre Selbsterhaltung \u2013 wer dieses \u201eSelbst\u201c ist und was dazu geh\u00f6rt, definieren sie selbst \u2013 in gro\u00dfem Stil \u00fcber Leichen gehen. Und die Menschen, welt- und vor allem europa\u00ad\u00adweit, reagieren: mit bedingungsloser Selbstverpflichtung zu moralischer Parteinahme. Geht\u2019s noch? 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